Fakultät | standort

WERKPLATZ, STUDIENOBJEKT, BEGEGNUNGSORT
“Schulen sind Lichtpunkte eines Landes; Schulgebäude ehrwürdige Bildungsorte der aufblühenden Generation. Deshalb sollen sie ihrem hohen Zwecke gemäß unter den übrigen Wohnungen einer Gemeinde in Hinsicht auf Lage, Umgebung, Bau, Einrichtung sich auszeichnen.“ (1)
Der Anspruch, den Gustav Vorherr 1821 in diesem etwas altertümlich formulierten Zeilen anmeldete, ist heute genauso relevant wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Mit ihren Bildungsbauten macht eine Gesellschaft deutlich, welchen Stellenwert sie der Aus- und Fortbildung einer jungen Generation zumisst. Die Qualität eines Lehr- und Lernortes besteht nicht allein in Quadratmeterzahlen oder in der Ausstattung eines Hauses, sie misst sich in Lage und Umgebung, im Raumeindruck und in der Qualität der Architektur.
Bildungsorte sind prägende Orte. “[D]ie Stätte, wo wir zuerst gewisse Lehren faßten, äußert auf die Stimmung, mit der wir sie aufnahmen, und wieder auf den Werth, welchen sie für uns hatten, eben sowohl einen bedeutenden Einfluß, als auf die körperliche Gesundheit, und es kommt daher viel darauf an, ob die Schulgebäude geräumige helle und reinliche Häuser, oder kleine, dunkle schmutzige Hütten sind, worin die Jugend in ihrer ersten Blüthe die schönsten Lebensjahre zubringen soll.“ (2) Als Vorherr diese Überlegungen schrieb, dachte er an die Dorf- und Volksschulen im Königreich Bayern, für die er 1811 und 1831 eine Sammlung von Musterentwürfen publizierte. Vorherr hatte in den 1790er Jahren bei David Gilly an der Berliner Bauakademie und im Anschluss an der Ecole Polytechnique in Paris bei den damals führenden Professoren Jean-Baptiste Rondelet und Jean-Nicolas-Louis Durand studiert und vertrat als Praktiker und aufgeklärter Idealist das Konzept einer rationalen “Landbaukunst“, die auf einen systematischen Landesausbau setzte. Die damals veröffentlichten Lehrbücher von Gilly, Durand und Rondelet sind noch heute im Bestand der Fachbibliothek Architektur erhalten.
An der von ihm seit 1823 geleiteten Baugewerkschule, die der direkte Vorläufer der heutigen Fakultäten Architektur, Bauingenieurwesen und Geoinformatik der Hochschule München ist, verfolgte Vorherr in Weiterentwicklung der Gedanken seiner akademischen Lehrer das Konzept einer praxisnahen Ausbildung. “Die Schule wie einen Bauplatz zu behandeln“, schrieb er 1829, “wo täglich vom frühen Morgen bis zum späten Abend gearbeitet wird, hat sich als recht und gut bewährt“. Das eigentliche Studium konzentrierte sich zu dieser Zeit auf die Wintermonate, während die Bauschüler im Rest des Jahres praktisch auf Baustellen arbeiteten.
Landbaukunst war für Vorherr mit angewandten handwerklichen, technischen und konzeptionellen Fragen verbunden, hatte im Grundsatz aber einen universellen Anspruch: “Die Landesverschönerungskunst, an der Spitze aller Künste stehend, umfaßt im Allgemeinen: den großen Gesammtbau der Erde auf höchster Stufe; lehrt, wie die Menschen sich besser und vernünftiger anzusiedeln und von dieser Welt neu Besitz zu nehmen und solche klüger zu benutzen haben“. (3) In einem aufgeklärtem Zukunftsglauben erwartete Vorherr, dass durch die weltweite Beschäftigung mit dieser Aufgabe “alle gesitteten Völker zu einer großen Familie vereinigt werden“. Zu den wichtigen Konzepten, um die Erde “klüger zu benutzen“, zählte für Vorherr eine aufgelockerte, nach der Sonne ausgerichtete Bauweise. Als königlicher Baubeamter brachte er diese “Sonnenbaulehre“ des Architekten und Arztes Bernhard Christoph Faust bei der Modernisierung von Dorfanlagen bei der Stadterweiterung Münchens zum Einsatz. Die heutige Sonnenstraße in München, deren Anlage Vorherr ab 1818 leitete, hat nach dieser offenen Bauweise ihren Namen. Auch die Maxvor stadt als Erweiterung der Residenz nach Nordwesten war ursprünglich mit freistehenden Villen und repräsentativen Einzelhäusern bebaut. Zu den in dieser Zeit errichteten Bauten zählte auch Vorherrs eigenes Wohnhaus am Karlsplatz 25. Auf dem Grundstück befindet sich aktuell das Hotel Königshof.
Es ist ein historischer Zufall, dass sich das heutige Fakultätsgebäude in der Karlstraße nicht weit entfernt von Vorherrs ehemaligem Wohnhaus befindet. Um 1820 war die Baugewerkschule in einem Gebäudekomplex in der Kreuzgasse in der Altstadt von München untergebracht, 1877 zog sie in einen Neubau in der Nähe der Glyptothek und der Pinakotheken, der 1944 durch Bombentreffer zerstört wurde. Das neue, 1957 fertiggestellte Gebäude an der Karlstraße ist beinahe das einzige moderne Gebäude, das die Tradition der offenen Bauweise in diesem Bereich der Maxvorstadt fortgeführt hat.
Das von den Architekten Franz Ruf, Adolf Peter Seifert und Rolf ter Haerst in Anlehnung an moderne skandinavische Rathäuser realisierte Ensemble besteht aus einer Komposition von Baukörpern, die an der Barer Straße zurückspringen und Platz für eine Grünfläche schaffen. Jeder der hier situierten Gebäudeteile – der fünfgeschossige Hauptbau an der Ecke zur Karlstraße, der lineare Seminar- und Werkstättentrakt und die Aula – hat einen eigenen, klar ablesbaren Charakter. Der Architekturkritiker Rudolf Pfister lobte in einer zeitgenössischen Besprechung in der Zeitschrift Baumeister folgerichtig die “sehr geschickte Gliederung und Anordnung der dezentralisierten Baukörper“ in ihrer Lage zur Straße (4) und betonte, die Architekten haben “das Beste aus ihr gemacht, funktionell, städtebaulich und – nicht zuletzt – architektonisch.“
Aus heutiger Sicht besteht ein besonderer Vorzug des Ensembles in seiner unmittelbaren Nähe zur Münchner Innenstadt, zum Kunstareal und zu herausragenden Beispielen bayrischer Architektur- und Kunstgeschichte, die als Studien- und Anschauungsobjekt in wenigen Minuten fußläufig erreichbar sind. Von der Mensa oder den Leseplätzen in der Fachbibliothek haben die Studierenden einen Blick über den Maximilianplatz auf das Panorama der Münchner Innenstadt mit den berühmten Türmen der Frauenkirche – eine Aussicht, die man vielleicht eher von einer Vorstandsetage erwarten würde, aber genau jener herausgehobenen Lage entspricht, die Vorherr für Bildungs- und Schulgebäude einforderte. Gleiches gilt für die großzügig dimensionierten Raumkompositionen von Lichthof und Aula. Rudolf Pfister stellte in seiner Architekturkritik von 1957 heraus, “daß hier mit einfachen, aber eben sehr richtig eingesetzten Mitteln eine Raumwirkung erzielt wurde, die vielleicht mit einem Paradox als sachliche Überalltäglichkeit bezeichnet werden kann.“ Besonderen Wert legten die Gestalter von 1957 auf Details und Materialien. Eine 1959 erschienene Würdigung in der Deutschen Bauzeitung konstatierte entsprechend: “Dieser Neubau bietet sich dem Studierenden als nahegelegenes Studienobjekt an: als Konstruktion und bezüglich der Wandgestaltung und deren Baustoffen in werkgerechter Anwendung.“ (5) Pfister bilanzierte: “Es ist hier ohne unsachlichem Aufwand eine über die Befriedigung der reinen Funktion hinausgehende architektonische Wirkung erzielt und eine Baugesinnung dokumentiert, die man den Schülern dieser Anstalt wünschen möchte und für die eine beispielhafte Umwelt während der Lehrjahre die beste Voraussetzung ist.“ (6)
Dass Lage und architektonische Qualität Vorteile für einen Bildungsstandort besitzen, zeigt sich aber noch in einer weiteren Hinsicht. 2018 und 2019 fanden in der Aula des Fakultätsgebäudes mehrere große Tagungen statt, die Berufsverbände VfA, bab, bdia und BDA wählten die Grünfläche vor dem Haus, um dort ihr jährliches Sommerfest zu veranstalten, parallel stellten Lehrende und Studierende der Architekturfakultät am selben Ort ihr Design-Build-Projekt eines Zentrums für Kultur und Ökologie in der mexikanischen Gemeinde Santa Catarina Quiané/Oaxaca aus. Für die Hochschule, die Fakultäten, Forscherinnen und Forscher und Studierende eröffnen derartige Veranstaltungen Möglichkeiten, sich nach außen zu präsentieren, Kontakte zu knüpfen und Netzwerke zu aktivieren. Die Gedanken, die Vorherr vor fast 200 Jahren formulierte, erweisen sich so nach wie vor als zutreffend. Für die Architekturfakultät und die Hochschule München hat der Standort in der Karlstraße ein herausragendes Potential.


(1) und (2) Gustav Vorherr. “Über Volks-Schulgebäude in Baiern.“ In: Monatsblatt für Bauwesen und Landesverschönerung 1 (1821) Nr. 3. S. 10.
(3) Vorherr, Gustav. Landesverschönerung oder Verschönerung der Erde. Geschenk für Bauleute. München 1826. Sonderdruck im Stadtarchiv München DE-1992-SCHULA-01084.
(4) und (6) Rudolf Pfister. “Der Neubau der Staatsbauschule München.“ In: Baumeister 54 (1957) S. 853.
(5) Guido Harbers. “Die neue Staatsbauschule - Akademie für Bautechnik in München.“ In: Die Bauzeitung - Deutsche Bauzeitung 64 (1959) Heft 6, S 249.


Foto: Rainer Viertlböck: Die offene Bauweise, die in der Maxvorstadt noch vereinzelt anzutreffen ist, geht auf die von Vorherr in München angewandte “Sonnenbaulehre“ zurück. Grünfläche vor dem Fakultätsgebäude an der Barer Straße.


Text: Karl R. Kegler


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